Kunsthaus Grenchen

Gerald Lechner

Konservator

Grenchen

 

Vernissage Pedro Meier

Kunsthaus Grenchen

1995

 

Wer ist Pedro Meier? Ein Aussenseiter, so sagt er selbst von sich. Ein ehemaliger Buchhändler, ein Schriftstellersohn, ein Solothurner, der die ganze Welt bereist hat, das ist aus seiner Biographie zu erfahren. Ein Maler, der das Leben mit Farben einfängt, der Bilder malt, die schon fast wieder Leben sind, so lernen wir Pedro Meier in dieser Ausstellung kennen.

 

Pedro Meier ist kein Maler wie tausend andere, die das Metier auf Schulen und in Akademien erlernt, sich die technischen Kenntnisse in langwierigen Studien angeeignet, ihre Themenwelt nach sorgfältigem Abwägen erarbeitet haben. Pedro Meier ist ein Malsüchtiger.

 

Er hat sich vor rund 15 Jahren in die Malerei gestürzt wie ein Abenteurer, der die ganze Welt im Handstreich einzunehmen hofft. Vielleicht hat er seitdem erkannt, dass die Kunst wie eine Geliebte sich nur Schritt für Schritt erobern lässt. Dass sie aber auch alles zu geben gewillt ist, wenn man nur die nötige Leidenschaft für sie aufbringt.

 

Für Pedro Meier ist die Malerei wie eine Geliebte und gleichzeitig eine Obsession. Das lässt sich schon in den ersten Bildern erspüren, die der Landschaft gewidmet sind. Zu sehen sind diese Bilder oben im ersten Stock. Da sind drei Pastelle vom Vier­waldstättersee, die Disziplin verraten, mühsam gebändigte Zurück­haltung sozusagen. Denn Disziplin in der Gestaltung, in der Farb­gebung und Gestik, das ist nicht gerade Pedro Meiers oberstes Gebot. Er ist ein Mensch, der in seiner ganzen Komplexität die Freiheit an die erste Stelle setzt. In der Malerei bedeutet Freiheit für ihn die Loslösung von Konventionen, die direkte Umsetzung von Emotionen und inneren Schwingungen ins Bild. In den wenigen gegen­ständlichen Darstellungen dieser Ausstellung - von den erwähnten Ausnahmen abgesehen - ist dies bereits deutlich zu sehen.

 

Mit heftigem Pinselschwung hingeworfen, ungebärdig und ungeduldig, doch in einer eigenartig-eigenständigen Farbführung, die verblüfft und bezaubert, gibt es da eine Hofstatt, den Einblick in eine schweizerische Landschaft oder ein Venedig-Bild, das allen üblichen Vorstellungen hohnspricht.

 

Von der Landschaft hat sich Pedro Meier nie ganz gelöst. Als Pendler zwischen zwei Welten - jener im noch ursprünglichen Asien, wo er oft in seiner Malhütte am Golf von Siam arbeitet, und jener im intellektuell formierten (oder deformierten) Europa, das sich für ihn im grossen Atelier in der Alten Gerberei in Aarburg konkretisiert - entschied er sich auch für zwei Malwelten. Der Mensch, das Menschliche steht hier wie dort im Zentrum. Ob der Mensch nun als eine Art Piktogramm sichtbar wird, als Zeichen gewissermassen, ob er sich im Bild "Klassentreffen" zur gespenstischen Masse ballt, oder ob er schemenhaft das Leiden der geplagten Kreatur erfühlen lässt: Der Mensch ist für Pedro Meier nicht eine darzustellende Gestalt, sondern ein Wesen, das sich in all seinen Erscheinungs­formen in Farbe manifestieren lässt.

 

Die grossformatigen Bilder dieser Ausstellung; die ja das Schaffen in anderthalb Jahrzehnten in Ausschnitten dokumentiert, sind auf den ersten Blick ungegenständliche Kompositionen. Vor 30 oder 35 Jahren, als sich der Bildenden Kunst neue Horizonte öffneten, wären diese Bilder unter den Begriff "informell" eingeordnet worden. "Informell", das bedeutet ja wohl auch "formlos", doch formlos sind diese Bilder von Pedro Meier keineswegs. Sie sind erfüllt von Leben für den, der sich die Mühe nimmt, sie nicht nur zu betrachten, sondern ihr Eigenleben zu erfühlen, sich in sie hineinzuhorchen. Einige von ihnen hat der Maler "Klangbilder" genannt. Es gibt ihn ja, den Klang der Farben. Kandinsky hat das Gelb der Trompete zugeordnet, das Braun dem Cello, das Rot dem Horn und das Blau der Violine und dergestalt sozusagen Partituren von farbigem Klang erfunden. Die Klangbilder-Sinfonien von Pedro Meier sind nicht etwa jenem Bild von Paul Klee ähnlich, das der grosse Meister "Klang der südlichen Flora" genannt hat. Sie besitzen einen ganz eigenen Klang, der sich durchaus mitteilt, der eben nicht informell ist.

 

Diese Ausstellung zeigt rund 80 Bilder in verschiedenen Werkgruppen, die den flüchtigen Betrachter vielleicht recht unterschiedlich im Thema, in der Technik, in Form und Farbe anmuten. Gleichwohl sind diese unterschiedlichen Werkgruppen nur ein kleiner Teil eines Werkes, das ein Malsüchtiger in eigentlich kurzer Zeit geschaffen hat. Pedro Meier hat sich seinen eigenen Bilderkosmos geformt, der so komplex ist wie er selbst. Mit einem Teil dieses Kosmos entlasse ich Sie nun zu einem Rundgang, auf dem Sie indirekt vieles über Pedro Meier erfahren werden. Vielleicht beantworten Sie dann selbst meine anfangs gestellte Frage:

Wer ist Pedro Meier...

 

Gerald Lechner

Konservator

Kunsthaus Grenchen

Grenchen

1995